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Negative Helden

veröffentlicht am 12.11.2005

"Good. Bad. I'm the guy with the gun."
Army of Darkness


Graue Welt

Die Welt, wie wir sie kennen, ist nicht schwarz/weiß. Nichts auf ihr ist entweder gut oder böse. Obwohl das für uns wohl oft einfacher wäre, übersehen wir (durch unsere Erziehung) oft, dass auch das 'Böse' Gründe für seine Handlungen hat.

In der Filmwelt hingegen ist es oft klar wie Wasser, wer Held, wer Schurke und wer Opfer ist. Nur ab und zu ist dieses Bild nicht so klar - schwarz und weiß verschwimmen und formen eine graue Welt.

Dies ist sehr schön am Beispiel des ersten Matrix-Filmes zu beobachten: Jede handlungsentscheidende Figur, ob nun 'gut' oder 'böse', hat ein Weltbild, hat Wünsche und Interessen.

Der Zuschauer muss nicht jede Meinung vertreten. Vielmehr wird er durch diese Vielfalt zum Nachdenken angeregt. Oder zumindest dazu, seine eigene Einstellung mit den vertretenen Meinungen zu vergleichen - um vielleicht mehr als einmal zustimmend zu nicken.


Guter Bulle, böser Bulle

Ein in vielen Action- und Polizeifilmen (z.B. Red Heat und Nur 48 Stunden) angewendetes Schema ist die deshalb längst zum Klischee erstarrte Verhörmethode 'Guter Bulle, böser Bulle': Ein Ermittler schüchtert den Gefangenen ein, dann spricht der zweite Beamte von Haftverkürzung. Wenn doch nur endlich…

Dieses Spiel geht eine Weile - in Red Heat soweit, bis dem wehrlosen Häftling ein Finger gebrochen wird! - und endlich gibt der Gefangene auf und gibt die erhofften Informationen preis.

Die interessanteste Sache daran: Der Großteil des Publikums findet eine solche Herangehensweise in Ordnung. Wohl auch deshalb, weil der Gefangene vorher zumeist als Täter in Aktion gezeigt wird; Polizisten anschiesst oder Banken überfällt oder andere unmoralische/-gesetzliche Dinge tut.

Wenn Dirty Harry Callahan gegenüber dem Heckenschützen und Kindesentführer Scorpio jegliche Rücksichtnahme (aus Angst vorm Verlust seiner Polizeimarke zum Beispiel) vermissen lässt und dem momentan unterlegenen, um Gnade flehenden Kerl sogar noch quält, dann gibt es keinen guten Bullen. »Würdest du anders handeln?« fragt die Szene den Zuschauer und einige werden den Kopf schütteln. Graue Welten.

Niemand würde »Gib's ihm!« laut aussprechen. Doch der Erfolg der Dirty Harry-Filme liegt sicherlich auch darin begründet, dass Callahan ab und zu die Mittel des 'Bösen' anwendet, um erfolgreich für das 'Gute' (beziehungsweise seine persönliche Vorstellung davon) kämpfen zu können. Mittel, die wir Zuschauer uns wohl nie anmaßen würden, im Alltag anzuwenden.

Clint Eastwood, Charles Bronson oder Arnold Schwarzenegger (der etwa in Phantom Commando die Bösewichte mit Blei und Feuer für die Entführung seiner Tochter bezahlt) haben die Sympathie des Publikums wegen ihrer Neigung zum Einsatz aller Mittel, um Ziele zu erreichen.

Ganz anders sollte es hingegen sein bei (durch die Moralvorstellungen der Zuschauer) von vornherein als böse oder krank abgestempelten Hauptpersonen in Filmen wie Henry-Portrait eines Serienkillers. Sollte…


Killerinstinkt

Der im Alltag so freundliche und ruhige Henry tötet zumeist ohne (für uns ersichtlichen) Grund und (bis einige Ausnahmen) ausschließlich wehrlose Frauen. Beides große Verstöße gegen zwei der Gebote für Filmhelden.

Während sich die meisten von denen nämlich ihre Gewaltakte durch die Gedanken »Es hieß: Er oder ich.«, »Er hat es nicht anders verdient.« oder »Lieber der Täter, als weitere Unschuldige.« relativieren -- da tötet Henry aus Gewohnheit.

Den einzigen Anhaltspunkt für dieses Verhalten liefert ein kurzer Dialog, bei dem Henry von seiner Mutter erzählt, die ihn zusehen ließ, wenn sie mit Männern schlief. Das da noch mehr geschah, kann sich der Zuschauer aus weiteren Andeutungen zusammenreimen.

Diese Vergangenheit relativiert für uns die klar als solche erkennbaren brutalen Sexualmorde jedoch nicht im geringsten. (Jedenfalls gehe ich davon aus, dass kein moralisch aufrechter Mensch nun denkt: »Ach so… Na dann geht Serienmord natürlich in Ordnung.«)

Und doch ist Henry nicht nur Titelgeber dieses Filmes, sondern auch klar als PROtagonist erkennbar.

Otis' (Henrys Mitbewohner) Verhalten gegenüber seiner (Otis') Schwester verärgert nicht nur die Zuschauer, sondern auch Henry. Nicht nur Filmkenner wittern den Braten: Otis Schwester verliebt sich in den zurückhaltenden Henry, ohne seine andere Seite zu kennen. Der Zuschauer weiß, dass so etwas immer Ärger nach sich zieht. Und wünscht insgeheim Henry und dem Mädchen ein Happy End.

Die Voraussetzung an den Handlungsverlauf wird in diesem Film pervertiert:
Laut dem ungeschriebenen, aber oft beschriebenen Filmgesetz bricht das Unnormale in eine geregelte Welt ein und muss bekämpft werden, um den Anfangszustand (jedenfalls annähernd) wiederherzustellen. Eine Formel, mit der sich der Zuschauer nur allzu gerne abfindet.

Bei Henry hingegen bricht das Unnormale in Gestalt eines für uns eher positiven Aspektes (Zuneigung und Schönheit) ins Leben der beiden WG-Kumpane ein. Und so weiter.


Grausam?

Die Faszination von zwiespältigen Figuren wie Harry Callahan oder des Bösen an sich ist stets vorhanden.

So haben etwa die Cenobiten aus Hellraiser oder der traumtänzelnde Freddy Krueger (Nightmare on Elm Street) vor allem wegen etlicher Fortsetzungen mit immer neuen Protagonisten einen hohen Wiedererkennungswert und auch eine mindestens ebenso große Fangemeinde wie all die weiblichen Hauptrollen der einzelnen Teile zusammengenommen.

Das liegt zum Teil an der verlässlichen (und oft formelhaften) Wiederkehr des Schurken im nächsten Teil. Aber vielleicht auch ein wenig an der Lust der Zuschauer daran, wenigstens für knapp Eineinhalb Stunden moralische Grenzen überschreiten zu dürfen.


Schlussbemerkungen

Beleidigungen, Streiche, Qualen, Mord, Folter, Drohungen… Der Zuschauer stellt sich in einer gut geschriebenen bzw. gefilmten Szene diese Grausamkeiten am eigenen Leib vor - ob bewusst oder nicht.

Ich finde es sehr gut und sehr mutig, wenn sich Autoren und Regisseure trauen, eben diese Szenen intensiver als 'nötig' oder 'ertragbar' zu gestalten. (Wie etwa die Stadion-Szene in Dirty Harry.)

Dann, und nur dann, besteht nämlich auch nur die geringste Chance, eben diese Taten auch als verwerflich zu kennzeichnen. Sonst wird der Tod und auch das Böse zum Klischee und zur Pointe lauer Szenen reduziert.

Also, Autoren: Lasst euren Figuren nie nur so zum Spaß oder für den Effekt etwas zustoßen! Das ist die zweitwichtigste Regel gleich nach der von der möglichst plausiblen Handlung.

Im besten Falle solltet ihr euer Publikum mit den negativ behafteten Gedanken und Taten eurer Figuren überraschen, erschrecken, verstören, abschrecken - und dadurch zum Nachdenken über eigenes Verhalten anregen.

Bringt euer Weltbild in die Geschichte ein -- und stellt es in Frage! Versucht stets, beide Seiten der Medaille zu sehen! Schafft realistische Konflikte und malt nicht schwarz/weiß!


Anhang - Die Filme:

ARMY OF DARKNESS
THE MATRIX
RED HEAT
48 HRS.
DIRTY HARRY
COMMANDO
HENRY-PORTRAIT OF A SERIAL KILLER
HELLRAISER
NIGHTMARE ON ELM STREET

 
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