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Bedrohung als zentrales Element spannender Geschichten

veröffentlicht am 08.08.2007

Eigentlich sollte dieser Aufsatz "Das Böse als zentrales Element spannender Geschichten" heißen, doch Bedrohung scheint mir treffender. Böse klingt zu hart und zu menschlich. Der Begriff Bedrohung hingegen gibt keine Wertung ab, sondern ist eine Aussage zur fehlenden Ungefährlichkeit einzelner Bestandteile spannender Geschichten.

Eine Alarmanlage

… beispielsweise erfüllt zuerst einmal nur den Zweck, nach dem sie benannt ist. Sie ist auch dann nicht böse, wenn sie strahlenden Filmhelden den Weg zum Ziel erschwert. Sie ist einfach nur vorhanden und bedrohlich – ihre Sensoren entscheiden über Erfolg oder Fehlschlag selbst der heldenhaftesten Mission.

Meist sorgen die Autoren bereits vor, indem sie des Publikums Meinung durch Informationen über die Motive des Einbrechers beeinflussen. Ist er ein Robin Hood? Ein Raubmörder? Oder nur der Hausbesitzer, der seinen Schlüssel verloren hat? Spätestens nach dem Einbruch wird man Genaueres wissen.

Doch im Publikum muss ebenfalls jeder für sich entscheiden, mit welcher Partei er zumindest innerhalb der Szene mehr mitfühlt; mit dem Einbrecher oder dem Opfer des Einbruchs.

Hinzu kommt im Beispielfall, dass ein Einbruch immer gegen erdachte und reale Gesetze und/oder die Moralvorstellung von Erzähler und Publikum verstößt.

Gegen die selbstlose Rettung eines Kindes aus einem brennenden Haus werden wohl die wenigsten Zuschauer etwas haben. Doch wenn ein Filmheld Tabus bricht, kommt erst Recht Spannung auf. Bei verbotenen und unmoralischen Taten drohen stets bedrohliche Konsequenzen, sobald der Bruch mit der Norm auffliegt.

Das erklärt, warum selbst absolut unmoralische Titelrollen wie Romeros Martin oder der Serienkiller Henry einen Film tragen, statt nur Buhmänner für alleinstehende Frauen zu sein.

Übrigens ist auch der Gang zurück ins brennende Haus ein Bruch mit der Norm. Helden gibt es ja nur, weil sie sich vom Rest der Mitmenschen durch übermäßige Selbstlosigkeit und Risikofreude abheben. Eigenschaften die, man ahnt es schon, ebenfalls bedrohliche Formen annehmen können. Zum Beispiel die Form des in zigtausend Werken verherrlichten Heldentodes.

Schwachstellen

In Jurassic Park wurde den Hauptfiguren berichtet, dass die Velociraptoren unbeirrt weiter nach Schlupflöchern suchen, obwohl der Elektrozaun ihnen üble Stromschläge verpasst.

In Night of the Living Dead bricht der Anblick ihres untoten Bruders Barbaras Restverstand und treibt sie in einen ekelhaften Tod.

Schwachstellen entstehen aus Bedrohungen entstehen aus Schwachstellen.

Die Zielstrebigkeit der Raptoren ist bereits eine psychische Belastung für die Charaktere, bevor der Strom ausfällt und sie wirklich Angst vor den Viechern haben müssen; sie löst die Geschehnisse im Tierpark nicht aus, trägt jedoch zur Grundstimmung des Films bei.

Und Barbara hätte unter Umständen länger überlebt, wenn die Zombiebedrohung gesichtslos geblieben wäre. Ihr Schicksal stellt dem Zuschauer nicht die Frage "Würdest du an ihrer Stelle anders handeln?", sondern "Könntest du anders handeln?".

Sobald die Bedrohung für Schwachstellen geistiger oder körperlicher Art sorgt, macht man Fehler, deren Konsequenzen gefährlich sein können. Oder erlösend. Oder beides. Auch Hoffnung ist eine Schwachstelle. Und die Erlösung des Geistes kann die Zerstörung des Körpers zur Bedingung haben. Womit wir wieder beim Heldentod wären.

»Ich hätte ja vielleicht Angst, wenn ich wüsste, was 'ne Axt ist«

Eine Schwachstelle, die viele spannende Geschichten vorantreibt, ist die falsche Einschätzung einer Bedrohung.

Typische Fehleinschätzer sind Dorfbewohner, die einer Hexenverbrennung zujubeln. Und Bürgermeister, die das Badefest nicht absagen wollen, obwohl in letzter Zeit täglich tote Surfer an den Strand gespült werden.

Es gibt etliche Geschichten, in denen die Hauptfiguren bemerken, dass ihre heile Welt unmenschlicher ist als die heile Welt ihrer Todfeinde. Und mindestens ebensoviele Geschichten erzählen von neuen Welten, die ganz und gar nicht erstrebenswert sind, wie zu Beginn vermutet.

Solche Geschichten sind spannend, weil die Hauptfiguren nicht mehr nur gegen 'das' Böse antreten, sondern ihre Ansichten gleichzeitig auch gegen den Willen der gutmeinenden Obrigkeit bzw. Mehrheit durchsetzen müssen.

Sie sind dagegen, wenn eine Übermacht dafür ist. Und andersherum.

Hier gilt: Der Freiheitskampf des einen ist für den anderen Terrorismus. Und Menschen, die Recht und Ordnung mit ungesetzlichen Mitteln 'schützen', tun Dinge, die sich das Publikum (zum Glück) nicht traut.

Es gibt keine happy ends, weil nichts endet

Eine bedrohliche Tat ist bedrohlich, weil sie eine Tat ist. Sie hat stets Konsequenzen für alle un-/mittelbar Beteiligten.

Gleichzeitig ist jede Tat eine Konsequenz aus anderen Taten und Entscheidungen. Nur in den seltensten Fällen ist eine Lösung für alle Seiten entgültig erlösend (oder bestrafend). Bedenkt dass, liebe Autoren und Regisseure!

So etwa enden zwar Independence Day und Krieg der Welten scheinbar glücklich, doch diese happy ends werfen zumindest zweieinhalb Fragen auf.

1.: Wird wohl bald eine zweite, virensichere, Invasionswelle über die kläglichen Reste der Menschheit hereinbrechen?

2.: Was wird die Menschheit mit der außerirdischen Technologie anstellen? Wird sie die Todesstrahlen friedlich nutzen?

Manchmal sind solche nur scheinbar glücklichen Auflösungen gewollt, manchmal nicht. Fest steht nur, dass offene Fragen häufig erst in Fortsetzungen, Web-Forumsdiskussionen und fan fiction 'geklärt' werden.

Am Bedrohlichsten

… ist, dass Hoffnungen, Ängste und andere Schwachstellen dem Publikum nur allzu gut aus dem richtigen Leben bekannt sind. Die Bedrohung selbst mag fiktional sein, die Reaktionen der Charaktere auf Gefahren hingegen sind es selten.

Eifersucht, Übermut, Liebe, Furcht und andere Eigenschaften sind der Treibstoff für spannende Geschichten. Bedrohungen und Hoffnungen hingegen sind 'nur' die Katalysatoren für die in Wort und Bild und Ton verewigten Gedankenspielereien.

Die Fragen Was wäre, wenn …? und Was würdest du tun, wenn …? werden von den Autoren und Regisseuren gleichzeitig gestellt und beantwortet.

Falls die in der Geschichte enthaltene Antwort das Publikum zufriedenstellt, taugt sie unter Umständen sogar in der Realität als Problemlöser. Und wenn die Antwort bedrohlich ist, ist es die Geschichte wert, erzählt zu werden. Besser eine verstörende Wirkung als gar keine.

 
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