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Ashida Toyoo (1986)

Fist of the North Star

Hokuto no ken

In der nahen Zukunft, nachdem die Menschen ihre Welt endgültig zerstört haben, leben die Schwächeren entweder in ständiger Angst vorm nächsten Überfall raubmordender Horden oder aber sie müssen sich den Weisungen ebenso unmenschlicher Herrscher beugen. Nicht so der Kampfkünstler Ken. Der Totgeglaubte durchstreift Ödland und Ruinenstädte auf der Suche nach seiner Freundin Julia. Und niemand vermag ihn aufzuhalten. Schließlich ist er trotz allem, was seine Brüder Jagi und Raoh annehmen, die einzig wahre Faust des Großen Bären.

(Laut Wikipedia verweist Hokuto [Shichisei] nicht auf den Polarstern, sondern auf das ihm nahestehende Sternbild Ursa major – und gleichzeitig auf die sieben Wundmale der Hauptfigur.)

Die Postapokalypse als splatterlastiger Zeichentrickfilm für Erwachsene; basierend nicht nur auf der gleichnamigen Manga von Buronson und Tetsuo Hara, sondern auch auf deren holprigem Drehbuch, welches dafür sorgt, dass der Film hauptsächlich dank der Hintergrundzeichnungen und mit aufwendig animierten Körperverletzungen punktet.

Ich weiß nicht, ob Buronson und Hara durch Go Nagais graphic novel Violence Jack: Hell City zu ihrer Geschichte inspiriert wurden. Jedenfalls sind die Parallelen zahlreich; vom apokalyptischen Setting und das vorherrschende Menschen- bzw. Geschlechterbild über den hohen Gewaltpegel der kleinen und großen Auseinandersetzungen bis hin zur 'Erdgeburt' des Titelhelden.

Selbst wenn Fist of the North Star eine bewusste Abwandlung des Nagai'schen Comic sein sollte, ist das keine Schande. Schließlich hätten sich Parallelen zu weiteren Filmen und Erzählungen, die das Leben nach dem Zusammenbruch der Zivilisation zum Thema haben, sowieso nicht vermeiden lassen. Egal, ob italienischer B-Film, US-amerikanischer Roman oder japanische Bildergeschichte … Die AutorInnen bedienen sich oft ähnlicher Stilmittel und Versatzstücke.

So etwa symbolisiert ein erblühendes Pflänzchen in Fist of the North Star die Läuterung und zu erwartende 'Wiedergeburt' der Erde: Pflanzliches Leben als Hoffnungsträger ist ein beliebtes Stilmittel. Und das mindestens schon, seit die Taube mit dem Ölblatt zur Noahs Arche zurückkehrte.

Doch die größte Parallele zu anderen actionlastigen Endzeitfiktionen liegt darin, dass in Fist of the North Star Tod und Verstümmelung den Kontrast zur von allen 'guten' Überlebenden angestrebten Friedlichkeit darstellt und somit durchaus keine Gewaltpornographie ist.

Genausowenig sind Ken und Violence Jack strahlende Helden, obgleich sie sicherlich als Helden in die Geschichte der 'Guten' eingehen werden. Das Sprüchlein "I need no thanks for killing scum." könnte ihr Motto sein. Ihre Gegner sind menschliche Monster, mit denen sie gar nicht erst lange diskutieren, bevor sie deren Schädel zerschmettern.

Die Kens und Jacks des Endzeitromans (sowie des stilistisch ähnlichen Westerns) sind schlechte Medizin für die Menschheit und sie scheinen es zu wissen. Ihre Gewaltexzesse machen die Welt ein Stückchen sicherer. Und nach getaner Arbeit ziehen sie weiter, statt sich inmitten der Siedler niederzulassen.

Ein Roman, in dem dieses Prinzip bewusste Anwendung findet und der darum in jede Bibliographie der Postapokalypse gehört, ist Algis Budrys' Einige werden überleben ("Some Will Not Die", 1961). Budrys' Hauptfigur wird zum skrupellosen Anführer, um zu verhindern, dass die geistigen Errungenschaften der Menschheit in den Wirren langwieriger Grabenkriege verlorengehen. Als er 'entthront' wird, nimmt er dieses Schicksal hin, weist jedoch auf die Notwendigkeit und Menschlichkeit seiner Taten hin.

Von dieser Komplexität ist Fist of the North Star weit entfernt. Ken handelt so und nicht anders, weil er es kann. Sein Antrieb ist, neben der nie so ganz erläuterten geistigen Verbindung zwischen ihm und dem 'Mädchen mit der Blume', die Suche nach Julia. Und Rache an denen, die ihn zu Filmbeginn fast getötet hätten.

Rache und Frauen. Kein Endzeitabenteuer ohne diese Kombination. Denn Frauen muss man(n!) beschützen, weil sie entweder den Fortbestand der Menschheit garantieren oder aber zur Sippe gehören. Und Rachepläne sind schnell geschiedet, wenn nur noch wenige hundert Menschen die Ödnis bewohnen, die allesamt des anderen Wolf sind.

So auch hier: Kens Freundin hat sich für ihn geopfert. Sie ist mit Shin gegangen, damit der ihren Freund nicht umbringt. Rei hingegen sucht seine Schwester, die von Kens Bruder Jagi verschleppt wurde, der sich ebenfalls als Fist of the North Star ausgibt und dessen Mörderbande friedliebende Siedler terrorisiert. Und da gibt es noch Kens anderen Bruder (Raoh), der inzwischen zum Diktator aufgestiegen ist und Krieg gegen das Heer eines riesigen Barbaren führt, der seinen Körper in Stahl verwandeln kann.

Soviel zum Thema Vielschichtigkeit.

Ist dieser Film das Anschauen wert? Ich denke schon. Aber nicht als Kandidat für die Wahl zum besten Genrebeitrag aller Zeiten. Fist of the North Star ist, wie bereits erwähnt, der Optik halber ganz interessant. Und als Sammlung etlicher Postapokalypse-Allgemeinplätze. (Keine Endzeit ohne Rockerbanden!) Außerdem ist der Angriff der Ninjas auf den Stahlbarbaren verdammt beeindruckend.

Aufmerksam geworden bin ich auf Fist of the North Star übrigens durch das gleichnamige Hardcore-Techno-Musikstück von DJ Gizmo, welches sich durch dem Film entnommene Tonspursamples von anderen Hardcore-Songs unterscheidet. Zum Beispiel durch Jagis Aufforderung an Raoh: »Brother, the time has come for us to teach that bastard Shin a lesson. Now!«

[Das Lied erschien unter anderem auf dem 'Sammelalbum' "X S 4 All", ©1996 The Dreamteam Productions / ID&T Music]

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