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Roland Suso Richter (2005)

Dresden

Der Bomber des britischen Piloten Robert Newman wird im Winter 1945 über Ostdeutschland vom Himmel geholt. Er entkommt wütenden Dorfbewohnern, die seine ebenfalls mit Fallschirmen gelandeten Kameraden abknallen, wird jedoch ebenfalls angeschossen.

Mit schwindender Kraft schleppt sich Robert nach Dresden, wo er im Keller eines Krankenhauses Unterschlupf findet. Dem Krankenhaus, in dem Anna Mauth und ihr Verlobter Alexander Wenninger arbeiten.

Anna findet den Briten, verliebt sich in ihn, ohne von seiner Herkunft zu ahnen, hintergeht ihren Verlobten, erfährt von den Machenschaften ihres Vaters und so weiter. Und der Bombenangriff auf Dresden ist das Schwert, das diese Irrungen und Wirrungen wie einen gordischen Knoten zerschlägt.

Zweiteiliger TV-Katastrophenfilm, für den hauptsächlich mit den Kosten – knapp zehn Millionen Euro – geworben wurde, die er verursacht hat. In den Hauptrollen: Felicitas Woll, John Light, Heiner Lauterbach, Benjamin Sadler und Kai Wiesinger.

Zuerst die gute Nachricht: Die Sets und Computertricks sind von hohem Niveau.

Schade nur, dass in diesem Film nicht nur Sets, CGI und historische Fakten vorgeführt werden.

Denn die Handlung besteht aus einer für dieses Filmgenre typischen (also unglücklichen) Dreiecksbeziehung und einer Handvoll ebenfalls genretypisch eingestreuter Faktenfetzen; so zum Beispiel den Feuersturm oder die Aufnahmen des britischen War Rooms.

Wirklich mit Dresden, der Stadt, hat das gut 180 Minuten lange Werk nichts zu tun. Besser wäre wohl gewesen, man hätte dem Film den Titel Bombenhagel verpasst. Oder ihn von vornherein als Dokumentation mit Spielszenen verwirklicht und sich so all jene Sets gespart, die dann doch nicht dem Angriff zum Opfer fallen.

(Auch hätte man so die – zumindest aus Sicht eines Einheimischen – absurden Sprünge zwischen den Drehorten umgehen können.)

Natürlich könnte man sagen, ich wäre voreingenommen.

Schließlich wurden wir im Tal der Ahnungslosen immer und immer wieder und nicht nur im Heimatkunde-Unterricht an das Bombardement Dresdens erinnert. Die Großeltern haben die Großbrände von den Weinbergen aus gesehen, auf dem Heidefriedhof nahe Radebeul wurden Opfer der Bombennacht begraben, die Frauenkirche und andere Ruinen zeig(t)en ihren Betrachtern die Auswirkungen kriegerischen Strebens.

Hinzu kamen die in scheinbar jedem Geschichtsbuch abgedruckten Bilder von verkohlten Leichen, die im Februar 1945 einzeln in wasserlosen Brunnen und Badewannen oder stapelweise zwischen Trümmerhaufen lagen.

Und auch die Schilderungen von Menschen, die sich brennend in die Elbe stürzten, ohne dadurch die Phosphorflammen löschen zu können; die Geschichten vom zerbombten Zoologischen Garten mit seinen in verbogenen Gittern hängenden, halbtoten Tieren; die Schicksale der Flüchtlinge, die Sicherheit suchten und den Flammentod fanden.

Ja, man könnte schon sagen, ich wäre voreingenommen.

Aber wenn ich einen Film sehe, der die Schrecken und die Unmenschlichkeit eines Luftangriffs schildern will und sich noch dazu auf genau diesen alliierten Vergeltungsschlag bezieht, aber statt glaubwürdiger Schicksale vieler Gesellschaftsschichten eine Groschenheft-Beziehung in den Mittelpunkt rückt…

Entschuldigung, aber dann bleibt der Film weit hinter meinen Erwartungen zurück.

So, okay, jetzt habe ich wieder gefangen und werde näher auf die Story eingehen. Genauer gesagt auf die Erzähltechniken, die auch diesen Katastrophenfilm ausmachen.

Da wäre zuerst einmal – wer hätte das gedacht? – die Katastrophe, die sich immer mehr abzeichnet und von deren reinigendem Feuer Pro- und Antagonisten entweder geläutert oder verschlungen werden.

Mein Problem mit diesem Genre ist nun, dass die Schicksale der Charaktere oft wie geschrieben wirken. Einfach, weil Charaktere nichts dafür können, dass eine Bombe sie trifft. Will sagen: Die Lösung ergibt sich häufig nicht aus dem Problem; also zum Beispiel dem unethischen Verhalten einer so aus dem Drehbuch entschwindenden Person.

Dieses Ärgernis puffern Drehbuchschreiber oft durch den Charakteren in den Mund geschriebene emotionale Worte. Ein tödlich verwundeter Vater, der sich vorher mies aufgeführt hat, stirbt nicht jammernd, sondern sagt Dinge wie "Geh deinen Weg." zu seiner Tochter. Und dass, obwohl ihm kurz zuvor eine Explosion beide Beine abgerissen hat.

Die nächste Hürde, die Autoren überwinden müssen, ist, die Story auf Filmlänge zu bringen (bzw. zu begrenzen). Der Roman zum Luftangriff kann achthundert Seiten dick sein, das Drehbuch hingegen sollte nicht diesen Umfang haben.

Und das wirkt sich auf die Zahl der handelnden Personen und die Anzahl der parallel verlaufenden Handlungsstränge aus, die dann eben kompakt wie möglich verwoben werden. Und zwar ohne Rücksicht auf Glaubwürdigkeit.

Der Vater der einen ist der Chef des anderen und der Onkel derjenigen, die mit dem von dort da wohnt, bis ihr Kind den Onkel des Vaters kennenlernt und von der Mutter des Freundes des Vaters gerettet wird etcetera*. Und sogar in einer zerbombten Großstadt voller haushoher Schutthalden laufen sich Haupt- und Nebenfiguren ständig über den Weg.

Merksatz hier: "Everyone is connected."

(* Dieses Beispiel habe ich mir ausgedacht. Ganz so verdreht sind die in Dresden geschilderten Zusammenhänge beileibe nicht.)

Und zuletzt, aber auch wirklich das Allerletzte: Die obligatorische Dreiecksbeziehung, die für mindestens eine der Parteien tragisch endet.

Wer denkt, die wäre erst seit Titanic die Triebfeder hinter Katastrophenfilmen, der hat vergessen, dass bereits in den Genreklassikern der Siebziger etliche Ehepartner von Feuer, Wasser, Erdbeben und Flugzeugabstürzen wieder zusammengeführt worden sind.

Natürlich nicht, ohne dass sich der/die Nebenbuhler/In selbstlos für das Paar opfert. Aber vorher noch den Segen erteilt; sagt, sie/er solle mit ihm/ihr glücklich alt werden, wenn sie denn jemals aus dem brennenden Schiff (oder so) herauskommen.

Wer solche Storywendungen nervig und altbacken findet, weiß nicht, was Autoren wissen: Das Publikum will's vorhersehbar und theatralisch.

Ach ja: Dresden geht, was die Konsequenz des letztgenannten Drehbuchkniffs betrifft, noch einen Schritt weiter.

Dank einer Sexszene, deren Location wohl selbst Harry S. Morgan zu doof gewesen wäre, ist die Protagonistin schwanger vom Briten und hat einen Bombenhagel später ihren piefigen Verlobten verlassen.

Da nun aber die Beziehung zum Briten ebenfalls eine unmoralische ist, wird Robert Newman vom Off-Kommentar zum Tode verurteilt; seine Maschine stürzt ab, als er Anna nach Kriegsende besuchen will.

Hier greift ein Filmgesetz, dass ich zu erwähnen vergaß: Es stirbt immer (auch) der Partner der Hauptrolle, der sich unmoralisch verhalten hat. Die Prostituierte beispielsweise ist immer dran, wenn sie eine Ehe gefährdet.

Robert gehört zu denen, die Dresden kaputtgebombt haben. Außerdem hat er Anna viel zu lange belogen, was seine undeutsche Herkunft angeht. Also muss er sterben. Ein anderes Schicksal würde das Publikum nicht akzeptieren.

Jedenfalls das Zielpublikum dieses Films.

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