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Matt Reeves (2008)

Cloverfield

Ein riesiges Monstrum entsteigt dem Meer und zerstört die Metropole New York. Es hat keinen Namen, seine Herkunft ist unklar und sein Motiv sowieso. Was die Menschen hingegen schnell erfahren ist, dass ihm Gewehrkugeln, Raketen und Bomben wenig anhaben. Und dass es hundegroße Parasiten am Körper trug, die nun ebenfalls zur tödliche Bedrohung für die Stadtbewohner werden.

Soweit, so altbacken. Die Besonderheit der US-Godjira-Variation Cloverfield ist nun aber, dass die Filmemacher uns nicht als allwissende Erzähler vom Kampf der Menschen gegen ein Monster berichten, sondern durchs Kameraauge eines jungen Erwachsenen, der in Manhattan arbeitet(e). Alles, was uns Zuschauern gezeigt wird, ist ein Heimvideo vom Ausnahmezustand.

Die Filmemacher spielen, was die Quellen ihrer Inspiration angeht, fair: Zwar fallen nicht die Namen japanischer Filmmonster, aber oft genug das Wort Japan. Zudem werden sowohl Teile der Filmaufnahmen des 9/11-Anschlags und seiner direkten Nachwirkungen (z.B. die Staubwolke), als auch die berühmteste Szene des Handkamera-Horrorfilms Blair Witch Project (Stichwort: Triefnase) für die vermeintlichen Amateuraufnahmen quasi re-inszeniert.

Was sie leider auch genutzt haben, sind die Möglichkeiten des Internetzeitalters: Hintergrundinfos wurden auf diverse Webseiten verstreut und die Hauptfiguren bekamen ‘echte’ eCommunity-Profile.

Zugegeben: Auch auf das Blairhexenprojekt wurde mit gefälschten Fakten aufmerksam gemacht. Nur ergab das Sinn, da es sich um einen (erfundenen) Lokalmythos handelte und nicht um die anstehende Einäscherung New Yorks. Abgesehen davon ist Cloverfield rein storytechnisch diesen (Recherche-)Aufwand, den das Publikum betreiben wollen soll, nun wirklich nicht wert.

Denn Cloverfield ist ein Blockbuster im wahrsten Wortsinn und beileibe nicht der erste seiner Art. Hier passiert so ziemlich dasselbe wie in Roland Emmerichs älterer Godjira-Amerikanisierung, welcher wiederum Ray Bradburys short-story Das Nebelhorn (The Fog Horn, 1951) bzw. dem Film Panik in New York (The Beast from 20,000 Fathoms, 1953) als Vorbild dient.

Neuland ist anders.

Als einzige Trumpfkarte bleibt die zugrundeliegende Idee vom Homevideo übrig, welches als suboptimaler Partybericht beginnt und als Zeitzeugnis ausklingt. Kamerakind ‘Hud’ und seine Freunde wissen zu Beginn der Aufzeichnung noch nicht, dass sie wenige Stunden später um ihr Leben rennen bzw. sogar sterben werden.

Das Publikum hingegen ist dank Plakatmotiv und Werbefeldzug bestens auf das Kommende vorbereitet und wohl jedermensch wird gelangweilt sein, weil der Film kein einleitendes CGI-Feuerwerk zündet und stattdessen junge Städter zu Wort kommen.

Dass überhaupt dramaturgische Höhepunkte existieren, ist im Rahmen der Filmrealität Zufall. Genausogut hätte er aus dem Dachgeschoss eines Wolkenkratzers heraus gefilmt worden oder ein Zusammenschnitt von überwachungsvideo sein können.

Wer sich über Wackelkamera, fehlende Charakterzeichnung oder flache Dialoge ärgert, darf nicht vergessen, dass das „Cloverfield“-Video selbst kein Spielfilm, sondern ein Augenzeugenbericht ist. Dies ist meiner Meinung nach auch die einzig plausible Erklärung für die scheinbare Dummheit der Hauptfiguren. Sie haben Todesangst und steigern sich in wahnhafte Handlungen wie das Filmen des Chaos oder das Rettenwollen der Freundin, um nicht durchzudrehen.

Der Hauptgrund, aus dem ich Cloverfield trotz seiner durchschnittlichen Grundstory sehr schätze, hängt direkt mit der Wahl des Erzählmittels zusammen: Den Filmemachern ist es gelungen, Story und Medium miteinander so zu kombinieren, dass beide Elemente eine Einheit bilden. Und das geht so:

Das Cloverfield-Video enthält Material zweier verschiedener Tage. Das ursprüngliche Video wurde am 27. April aufgezeichnet, dokumentierte eine Fahrt nach Coney Island und gipfelt in einem Panoramablick vom Riesenrad aufs Meer. Dieses Video wird knapp einen Monat später unbedacht überspielt mit jenen Aufnahmen, die den actionreichen Hauptteil des Kinofilms Cloverfield bilden.

Die neuere Aufzeichnung weist jene Lücken auf, die entstehen, wenn jemand die Kamera nach einem Blick zurück ins Filmmaterial nicht korrekt vorspult. Immer, wenn das ablaufende Band eine dieser Lücken erreicht hat, blitzt der Ausflug nach Coney Island durch und sorgt für Rückblenden, die nicht nur dramaturgisch Sinn ergeben, sondern auch innerhalb der Filmrealität stattfinden.

Und noch etwas: Die erste Aufzeichnung ist länger als die zweite und wenn die zweite Filmaufnahme abreisst – vielleicht, weil ein Stein auf den Stop-Button fällt – erleben wir nicht nur eine weitere Rückblende auf bessere Zeiten, sondern ganz unscheinbar im Hintergrund auch die (vermutliche) Ankunft des Monsters auf der Erde.

Doch es gibt noch eine dritte Zeitlinie!

Nämlich jene, in der die Vorführung des im Gebiet Cloverfield – früher als Central Park bekannt – geborgenen Filmmaterials stattfindet. Sie wiederum überschneidet sich zusätzlich noch mit unserer Wirklichkeit. Auf dem echten Bildschirm läuft ein erdachtes Augenzeugenvideo. Wir sind gleichzeitig normales Publikum und gehören innerhalb der Filmrealität zu den Menschen, welchen das Video gezeigt wird. Und wenn ich wollte, könnte ich im echten Internet auf Hinweise stoßen, die aus der Filmrealität hinübergeschwappt sind.

Aber dafür ist mir meine Zeitlinie dann doch zu schade.

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