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William Morris (1896)

Die Quelle am Ende der Welt

The Well at the World's End

Ralph, einundzwanzig Jahre alt und von drei Prinzen der Jüngste, stiehlt sich aus dem heimatlichen Königreich davon, um Abenteuer zu erleben und vielleicht sogar die Quelle am Ende der Welt zu erreichen; diesen Jungbrunnen, von dem nur ein Sprichwort berichtet.

Morris' Roman hebt sich in zwei entscheidende Aspekten vom Großteil der Werke ab, die man in den Fantasy-Regalen gut(?) sortierter Buchläden findet: Es gibt keinen tödlichen Countdown und auch keine Gefahr, die dunkel über der Welt des Romanes schwebt. William Morris schilderte die Erlebnisse seines jungen Helden, ohne dutzende Geschütze auszufahren, die dem Königssohn den Weg versperren.

Ralph erlebt auf seiner Reise zwar auch gefährliche Abenteuer, doch die sind nicht der Grund für die Weiterreise des Protagonisten. Die Gefahren, vor denen er dennoch wegläuft, könnte er dank Dialogskills und Kampfgeschick leicht zu seinen Gunsten entscheiden. Doch er wählt nie das kleine Glück, sondern stets den Weg nach vorn. Sein Wille treibt ihn immer weiter durch die Lande bis hin zum Ende der erforschten Welt.

In einem Genre, dessen Geschichten oft nach dem gleichen Schema ablaufen, war der Roman darum für mich vor allem in dieser Hinsicht sehr spannend zu lesen, weil der Protagonist nicht axtschwingend durch feindlich gesinnte Ländereien spurtet, sondern sich jederzeit und ohne Probleme ein Leben als Kaufmann oder Schafhirt zum Schicksal wählen könnte. Denn Morris gelang es, selbst den schwierigen Alltag der Bauern und Bediensteten würdevoll zu schildern; es gibt in seiner Romanwelt noch andere erstrebenswerte Berufe außer dem des Abenteurers.

Leider hat dieser Roman einen entscheidenden Fehler: Er ist noch nicht zuende, nachdem Ralph aus der Quelle getrunken hat. Und alles, was nach diesem Höhepunkt kommt, hat mich ziemlich kalt gelassen. Denn im letzten Buchdrittel kehrt Ralph auf dem gleichen Weg zurück, den er gekommen ist und trifft alte Freunde, die ihm erzählen, was sich für sie in der Zwischenzeit alles zum Guten gewendet hat. Zum Schluss gibt es ein kurzes Gefecht, das Ralph und seine Anhängerschar natürlich problemlos gewinnen.

(In der deutschen Taschenbuchfassung zieht sich dieser Teil der Erzählung über knapp 150 Seiten hin, die ich vor allem deshalb gelesen habe, weil ich jede Menge überschüssiger Freizeit hatte.)

Ich kenne keinen Fachbegriff für Kaugummi-Epiloge. Doch obwohl auch in Tolkiens Herr der Ringe diese Erzähltechnik zum Einsatz kommt, wage ich zu behaupten, dass sie keine echte Alternative zum meist verwendeten kurzen Ausklang ist.

Aber das wiederum behaupte ich wahrscheinlich nur, weil mich jahrelanger (Schund-)Medienkonsum abgestumpft hat. In Filmen und Romanen dieser Literaturgattung ist es nämlich dramaturgisch üblich, dass die Helden die Quelle / Schatzkammer / usw. nur kurz zu sehen bekommen, bevor dann ein Missgeschick die jeweilige Hauptattraktion auf ewig verschüttet.

(Man denke nur an Indiana Jones' Heiligen Gral oder die Showdowns der Sindbad-Filmreihe. Die Helden dort können knapp entkommen, aber müssen sich damit zufriedengeben, dass die Bösen tot sind und die Geliebte gerettet. Unsterblichkeit? Reichtum? Vielleicht ja beim nächsten Mal.)

In Morris' Welt hingegen fehlen – wie bereits angedeutet – fiese Endgegner, die Ralph am Schluck aus der Quelle hindern wollen. Dazu ist der Roman einfach zu wenig Fantasy. (Überhaupt ist die Quelle beinahe das einzige fantastische Element dieses »englischen Fantasy-Klassikers«.)

Deshalb wäre das einzig schlüssige und dennoch schnelle Alternativende des Romans ein offenes gewesen. Eines, in dem sich Ralph nach erfolgreichem Jungbrunnentrunk auf eine Abenteuerfahrt über das Ende der Welt hinaus begibt. Das wäre dann zwar ein Schritt in Richtung 08/15-Fantasy inklusive Fortsetzungspotential, aber weit weniger anstrengend und langatmig als das breitgewalzte happy end der Quelle am Ende der Welt.

Wenn Morris seinen überlangen Epilog doch nur genauso fesselnd geschrieben hätte wie die vorangegangenen Akte. Stattdessen mutiert der eigentlich eh schon recht makellose junge Held im finalen Teil der Geschichte entgültig zum Übermenschen; Ralph wird von allen verehrt und um seine Schönheit bewundert und ist keine liebenswerte Romanfigur mehr, sondern ein mittelalterlicher Posterboy.

Und wo die Heimreise des Helden in Hodgsons Nachtland wenigstens nur nervensägend langweilig ist, wird in der Quelle am Ende der Welt zusätzlich noch das Recht der Edleren auf Gewalt gegen Ex-Gewalttäter beschworen. Wer hätte das kommen sehen?

Ach ja: Diese Buchkritik basiert auf der deutschen Fassung, die 1981 als Fantasy-Special-Taschenbuch im Bastei-Verlag erschien. In diesem Band hat sich das Fehlerteufelchen ausgetobt. sprich: Jede Menge Schusselfehler inside. Buchstaben und Satzzeichen fehlen und Dialogmarkierungen wurden nicht geschlossen. Das volle Programm. Die Übersetzung selbst hingegen ist gelungen. Der Dank gebührt Annette von Charpentier, deren Anstrengung ja leider von unkorrigierten Rechtschreib- und Tippfehlern torpediert wurde.

Im Zweifelsfall rate ich dazu, gleich zum Original zu greifen. William Morris lebte von 1834 bis 1896. Das bedeutet, sein Werk ist inzwischen in die Public Domain eingegangen; lässt sich also legal und im Volltext online finden. Wobei ich natürlich nicht garantieren kann, dass sich die Digitalisierer bei der Texterkennung mehr Mühe gegeben haben als die Angestellten des Bastei-Verlages.

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